Ein Plädoyer für die Vielfalt

In der aktuellen gesellschaftlichen Debatte über den Umgang mit Flüchtlingen und dem Erstarken rechtspopulistischer Parteien in Europa sehen wir die Aufgabe der Kunst, an humanistische Werte, die Ausdruck finden in Menschenrechten und Grundrechten, zu erinnern und für Vielfalt zu plädieren.

In diesem Kontext gewinnt das Kinderbuch von Christine Nöstlinger "Wir pfeifen auf den Gurkenkönig", Erscheinungsjahr 1972, wieder neu an Aktualität. An Nöstlingers Jugendbuch interessiert uns die Frage nach der Verführ-barkeit von Menschen. Begünstigt eine Welt, die immer komplexer wird, den Wunsch, eigene Verantwortung an eine "starke Führung" und am Ende sogar die eigene Wahrnehmung abzugeben, um einfach und pauschal in Schwarz-Weiß denken zu können?

In unserer theatralen Fassung der Geschichte wollen wir uns mit der wunderbaren Möglichkeit der Vielfalt innerhalb einer demokratischen Ordnung auseinandersetzen.

Der Inhalt

Der Gurkenkönig sucht bei der Familie Hogelmann Unterschlupf, weil ihn seine Untertanen, die „Kumi-Oris“, ausgesetzt haben. Er steht für eine monarchistisch, klar hierarchisch, strukturierte Welt, die er nun versucht, in der Familie Hogelmann durchzusetzen. Dabei stößt er durchaus auf Widerstand. Doch schafft er es fast, die Familie zu spalten, indem er den Vater, mit einem in Aussicht gestellten Schatz, manipuliert und skrupellos, um seine eigene Position zu stärken, die Familienmitglieder gegeneinander ausspielt.

Es sind die Kinder der Hogelmanns, die losziehen, um ihre eigenen Antworten zu finden. Sie besuchen die ehemaligen Untertanen des Gurkenkönigs, die im Keller des Einfamilienhauses der Hogelmanns leben, und entdecken eine ganz andere Welt, als die vom Gurkenkönig beschriebene. Während der Gurkenkönig kein individuelles Ausscheren aus der Norm duldet und Gehorsam und damit ein Unterordnen unter seine Werte einfordert, hat die 15jährige Tochter der Hogelmanns, Mustafa zum Freund, Sohn einer Familie mit türkischem Migrationshintergrund, die in dritter Generation in Österreich sehr erfolgreich integriert lebt. Die Beziehung der beiden, und Mustafa selbst, sehen sich immer wieder mit Clichés konfrontiert.

Das Universum der kleinen Familie spiegelt alle möglichen gesellschaftlichen Werthaltungen, die somit im Mikrokosmos Familie wirken und in Form von Lebensformen, Weltanschauung und Positionierung, konkret den Alltag bestimmen. Vater Hogelmann gerät zusehends in einen Gewissenskonflikt. Er muss sich schlussendlich zwischen privater Bereicherung und humanitären Werten entscheiden.

Die Form:

In der Zusammensetzung der Darsteller manifestiert sich formal die Integrationsthematik. Die Tatsache, dass die drei Nationalitäten estländisch, italienisch und österreichisch auch phonetisch spürbar bleiben, wollen wir für unsere Erzählung gleich mehrfach nutzbar machen.

Hier bietet es sich zuallererst an, mit Herkunft und Sprache zu spielen und die unterschiedlichen Akzente zum Thema zu machen. Wer ist denn eigentlich in der Lage, „korrekt“ zu sprechen und ist das überhaupt wichtig? Kann davon abgeleitet werden, wer welche Figur spielen darf, wo doch Nöstlinger die Geschichte vom Gurkenkönig in der österreichischen Mittelschicht verankert? Ist die Geschichte nicht vielmehr exemplarisch und könnte überall spielen?

Eine demokratische Ausein-andersetzung entspinnt sich, in der es durchaus zu Meinungsverschiedenheiten kommt. Es werden unterschiedliche Blickwinkel auf die Geschichte erzählt, ohne dass der Eindruck entsteht, nur einer sei der richtige. Die Spieler bilden Koalitionen und treffen Mehrheitsentschei-dungen. Doch auch die Minderheit kann sich mit guten Argumenten durchsetzen. Die spezielle Spielerkonstellation ist sehr reizvoll und verspricht einen humorvollen und selbstironischen Umgang mit der Geschichte.

Spielweise, Bühne, Puppen

Die „offene Spielweise“, die die „öffentliche“ Verständigung der Spieler bedingt, ist für das Figurentheater spezifisch. Für die Zielgruppe der Acht- jährigen versprechen wir uns einen besonderen Reiz, die theatralen Mittel offenbar zu machen. So werden Geräusche mit Unterstützung von Mikrophon und Loopgerät offensichtlich selbst gemacht. Durch Geräusche werden Atmosphären geschaffen - im Keller, Angst oder eine Baustelle. Ein Impulsworkshop mit dem Geräuschemacher Max Bauer (http://www.der-geraeuschemacher.de/) wird das Ensemble befähigen diese Geräusche live auf der Bühne zu erzeugen. Die Erzählebene wird durch den Einsatz des Mikrophons erkennbar. Die Spielebene, in der der Zuschauer in die Welt des Gurkenkönigs und der Hogelmanns eintaucht, wird puppenspielerisch dargestellt. Puppen haben einen exemplarischen Charakter, die das Geschehen überall verorten lassen. Figuren werden holzschnittartig als Archetypen erlebt, die eine große Projektionsfläche bieten, weil sie sinnlich konkret und doch allgemein gültig bleiben. Deswegen haben wir uns für Tischpuppen entschieden, die beinahe wie Schachfiguren auf einem Spieltisch eingesetzt werden können.